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Neurologie & Psychiatrie

Anorexia nervosa / Bulimia nervosa: Diagnose

Anorexia nervosa (AN)

Definition

Essstörung, die durch Untergewicht charakterisiert ist, das durch gezieltes Fasten (bei erhaltenem Appetit) erreicht wird. Es besteht große Angst, dick zu werden oder zu sein und ein Ausfall der Regelblutung, Erbrechen, Laxanzienabusus und bulimische (Heißhunger-) Attacken können dazugehören.
2 Subtypen (F50.00 - restriktiver Typus; F50.01 - binge/purging Typus)

Häufigkeit

0,5-1% ernsthafte Erkrankungsfälle unter Mädchen in der Adoleszenz, zunehmend häufiger jetzt auch bei Frauen über 25 Jahren. Rund 95% aller Fälle betreffen das weibliche Geschlecht. Eine Zunahme der AN in den letzten Jahrzehnten ist nicht zu verzeichnen (Prävalenz seit Jahrzehnten stabil).

Pathogenetisches Modell (modifiziert nach Fichter)
Prädisponierende Faktoren
Auslösende Ereignisse
Kulturell: Schlankheitsideal banale Erkrankungen, Infekte, Operationen
Familiär: Hohe Leistungserwartung neue Anforderungen der Umgebung (Erwachsenen- und Geschlechtsrolle) = Entwicklungsaufgaben
Individuell: Störung von Selbstwertgefühl und Körperschema, Hilflosigkeit des Ich, Perfektionismus akute familiäre Konflikte
Biologisch-genetisch:hoher >50%iger Anteil der Varianz erklärt sich genetisch (Bulik et al. 2006, Arch Gen Psychiatry) Autonomie-Konflikte (Pubertät)
Bedrohung des Ich bzw. des Selbstwertgefühls: Angst
Pathologische Bewältigungsstrategien, die einen Circulus vitiosus in Gang setzen

- Versuch, die Selbstkontrolle durch Gewichtskontrolle wiederzugewinnen
- reicht die so erzielte Angstreduktion nicht aus, wird das "Idealgewicht" immer niedriger angesetzt
- progrediente Gewichtsabnahme
- Gedanken kreisen um Nahrungsaufnahme, das psychosoziale Umfeld schrumpft zunehmend, das Angstniveau steigt
- Folgen des Hungersyndroms (Unkonzentriertheit, Reizbarkeit, Angst) werden als Bedrohung der Selbstkontrolle erlebt
- Verschärfung des Diätprogramms, um sich das Gefühl für Selbststeuerung und persönlichen Wert zu bewahren usf.

Symptome
  • Untergewicht von mindestens 15% bezüglich Alter und Größe
  • starke Angst vor Gewichtszunahme
  • Störung der Körperwahrnehmung hinsichtlich Gewicht, Größe, Form (z.B. ein Körperteil wird trotz Untergewicht als zu dick empfunden)
  • gezieltes Fasten
  • psychomotorische Überaktivität (auch als Strategie der Gewichtsreduktion)
  • Amenorrhoe (korreliert meist mit Gewichtsabnahme)
  • Bradykardie, Ödeme und andere (sekundäre) körperliche Symptome
  • sekundäre hormonelle Störungen
  • bei Erbrechen und Laxanzienabusus: Hypokaliämie, Arrhythmie, Nierenschädigung
Verlauf
  • Vollremission in ca. 40%
  • deutliche Besserung bei ca. 30%
  • ungebessert bleiben ca. 20%
  • Tod in ca. 9% (Gründe: ½ Suizid, ½ somatische Komplikationen)

Prognose

Günstig bei frühem Beginn vor dem 16. Lebensjahr. Ungünstig bei schlechter prämorbider sozialer Anpassung, prämorbider Fettsucht, beim Vorkommen von Bulimie-Attacken, Missbrauch von Brechmitteln, Laxanzien, Diuretika.

Bulimia nervosa (BN)

Definition

Heißhungerattacken mit wahllosem Verschlingen von Nahrung. Den konsekutiven seelischen (Angst vor Gewichtszunahme, Schuldgefühle) und körperlichen Beschwerden (Bauchbeschwerden) versuchen die Patientinnen durch Ablenkung, Schlaf, selbstinduziertes Erbrechen (!), Laxanzien- und Diuretikamissbrauch entgegenzusteuern.

Häufigkeit

bei etwa 2-4% der Frauen zwischen 18 und 35 Jahren

Vorkommen
  • als isolierte Störung ohne Gewichtsverlust
  • in Verbindung mit einer anorektischen Symptomatik (= dann F50.01)
  • als Verlaufsform der AN (1/3 der BN-PatientInnen haben AN-Anamnese)
Differentialdiagnose von Anorexie und Bulimie
  • chronisch-konsumierende Erkrankungen (z.B. Tumoren, Tbc)
  • hormonelle Störungen (z.B. Hyperthyreose, Hypophysenvorderlappeninsuffizienz, Diabetes mellitus)
  • psychiatrische Erkrankungen:

Schizophrene Psychosen: Nahrungsverweigerung z.B. im Rahmen eines (Vergiftungs-)Wahns
Depression: verringerte Nahrungsaufnahme bzw. Heißhunger bei Antriebs- und Appetitstörungen

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Letztes Update:26 Februar, 2009 - 10:02